Seit mehr als 30 Jahren beschäftigt sich der Kultur- und Kunsthistoriker Wolfgang Knapp mit der historischen Entwicklung des visuellen Marketings. Insbesondere antike Schaufensterfiguren haben es ihm angetan. Für Forschungs- und Ausstellungszwecke hat er eigens eine Spezialsammlung mit original erhaltenen Figuren sowie ein Archiv und eine Bibliothek zur Schaufensterkunst aufgebaut.
Schaufensterfiguren sind im wahrsten Sinne des Wortes Verkörperungen von Zeitgeist.
Herr Knapp, Sie sind Kultur- und Kunstwissenschaftler und arbeiten als Ausstellungskurator und Autor im Museums- und Kulturbereich. Vor kurzem haben Sie den Bildband „Schaufensterfiguren / Mannequins 1850-1950. Modelle – Hersteller – Marken“ veröffentlicht, der rund 100 historische Schaufensterfiguren und rund 180 dazugehörige Dokumente abbildet und beschreibt. Woher kommt eigentlich Ihr Interesse an diesem Thema und wo waren da Ihre ursprünglichen Berührungspunkte?
Die Schwester meiner Mutter betrieb in meiner Kindheit mit ihrem Mann ein Modegeschäft, eine weitere Verwandte ebenfalls und bereits damals erregten die phantasievollen Schaufensterdekorationen und die menschenähnlichen Schaufensterfiguren, darunter teils noch ältere Modelle, meine Aufmerksamkeit. Außerdem interessierte ich mich grundsätzlich sehr für alle Arten von „Kunstkörpern“, für menschliche Skulpturen, Plastiken und Bildnisse. Während meines Studiums und danach habe ich mich dann gezielt mit diesen Themenkreisen beschäftigt und den Fokus auf Mannequins gelegt, denn Schaufensterfiguren sind im wahrsten Sinne des Wortes Verkörperungen von Zeitgeist.
Klickt man auf der Website Ihres Büros www.kulturgut-service.de das Bestellformular für das Mannequin-Buch an, so wird man weitergeleitet auf die Internetseite www.mannequin-museum.com. Wie kann man sich das vorstellen? Kann dieses Museum jederzeit besucht werden?
Das Mannequin-Museum ist vorläufig ein virtuelles Museum. Die gleichnamige Website vermittelt also einen visuellen Eindruck meiner Mannequin-Sammlungen der damit verbundenen Aktivitäten. Ausgewählte Figuren und Archivalien werden regelmäßig in Sonderausstellungen im In- und Ausland präsentiert und gelangen somit in die Öffentlichkeit. Der Kernbestand meiner Mannequin-Sammlung wird im Sammlungszentrum (Depot) des Historischen Museums der Pfalz in Speyer aufbewahrt und kann dort nach Terminabsprache mit mir im Rahmen von Führungen besichtigt werden.
Die Exponate, die in dem Bildband abgebildet sind, sind ja aus verschiedenen Epochen zwischen den Jahren 1850 bis 1950. Jedoch besitzen Sie weitaus mehr Figuren, Zeitschriften und Unterlagen bis hin zu den 1990ger Jahren. Wie sind Sie an all diese Exponate gekommen?
Meine Sammlungen sind nach und nach auf sehr unterschiedliche Art und Weise gewachsen. Die ersten Figuren und Dokumente konnte ich bei Ladenauflösungen, Antikmärken, Antiquariaten und Sammler*innen erwerben. Im heutigen Internetzeitalter gibt es außerdem vielerlei Plattformen, wo ältere Schaufensterfiguren oder Fachzeitschriften angeboten werden. Mit dem wachsenden Interesse an historischen Mannequins tauchen jedoch auch Repro- und Retrofiguren auf, die nicht immer als solche beschrieben sind. Genaue Kenntnisse der historischen Modelle sind also die Voraussetzung für den Aufbau einer Sammlung mit authentischen Originalfiguren.
Sie verleihen ja auch Ihre Exponate. Aus welchen Bereichen sind Ihre Auftraggeber?
In erste Linie sind es Museen für Kunst, Kultur- oder Filmgeschichte, die auf mich zukommen, um bestimmte Themen, Epochen oder Stilrichtungen mit zeittypischen Mannequins und Werbematerialien des visuellen Marketings in Ausstellungen zu dokumentieren und zu unterstreichen. Teilweise kontaktiere ich auch proaktiv mögliche Auftraggeber, verweise auf das große Potential der Schaufensterkunst als Teilbereich der angewandten Kunst und schlage Leihgaben vor, die genau zum Ausstellungskonzept passen. Daneben habe ich auch schon Filmproduktionen mit Mannequin-Leihgaben unterstützt oder war beratend für die Filmausstattung tätig.
Sie haben bestimmt bei Ihrer Recherche ziemliche spannende Persönlichkeiten aus der Szene der Mannequin-Hersteller oder der Dekorationsszene kennengelernt. Gibt es nach wie vor Kontakt zu unserer aktuellen VM-Branche?
Einerseits hatte ich das Glück, Nachfahren oder Betriebsangehörige der alten deutschen Herstellerfirmen kennenzulernen, die bereits vor dem Zweiten Weltkrieg berühmt und international erfolgreich waren und die größtenteils nicht mehr existieren. Auch Spezialisten aus der älteren Generation der Dekorationsbranche habe ich interviewt. Obwohl ich als Historiker vorrangig Entwicklungen vergangener Epochen erforsche, ist mir der Austausch mit der aktuellen Dekorationsszene auch wichtig. Besonders freue ich mich, wenn ich auf Menschen treffe, die mit Leidenschaft und Offenheit bei der Sache sind und die es wagen, auch über den Tellerrand zu schauen. Von einer Vernetzung des VM, der Museen, des Kunsthandels und der Kunstwissenschaft könnten alle Beteiligten profitieren.
Ähnlich wie die Barbie-Puppe in jüngeren Zeiten, sind die Figuren über die Epochen hinweg, auch von Zeitgeist und Schönheitsideal der jeweiligen Generation geprägt. Wie blicken sie als Experte auf die Figuren der heutigen Zeit und was glauben Sie, macht eine exzellente Schaufensterfigur aus?
Aktuell dominieren m. E. zwei Strömungen in der Figurengestaltung: minimalistisch-puristische Figuren (die auf ältere Vorbilder zurückgehen) und solche, die moderne und historische Merkmale und Materialien verbinden. Daneben gibt es Billigfabrikate, mangelhaft im Entwurf und der Ausführung. Eine exzellente Figur hat eine professionelle Modellierung und Passform, ist sorgfältig verarbeitet und koloriert und hat eine ansprechende Pose. Eine solches Mannequin erregt Aufmerksamkeit und sorgt für eine Aufwertung der Ware. Auch das Styling ist wichtig: Gliederarme und Gliederhände, die man aktuell häufig sieht, müssen natürlich ausgerichtet sein, Perücken und Wimpern sorgfältig platziert sein usw. Ich denke, die Liebe zum Detail wirkt sich bei der Kundschaft positiv aus.
Die eine oder andere Ausstellung, die Sie begleiten, ist bestimmt auch für unsere Community interessant. So freuen wir uns, wenn Sie uns rechtzeitig die Termine mitteilen, damit wir die an unsere Mitglieder weitergeben können. So wünschen wir Ihnen viel Erfolg mit Ihrem neuen Bildband.