Salone del Mobile 2026

| Text by: AD Magazin

Tags: Salone del Mobile Milano| Design

 

Die wichtigsten Tendenzen und Trends auf einen Blick.
Von großen Installationen über ausgewählte Präsentationen in den Showrooms bis zur Designwoche selbst: Das sind die prägendsten Eindrücke und zentralen Tendenzen des Salone del Mobile 2026 – zusammengetragen und versammelt von der internationalen AD-Redaktion.

 

 

Trendfarbe Kanariengelb

Hannah Martin, Senior Design Editor, AD US

Trotz angekündigter Regenschauer zeigte sich Mailand während der gesamten Design Week von seiner sonnigen Seite – und fast scheint es, als hätte sich die Stadt farblich darauf abgestimmt: Ein leuchtendes Gelb, das man treffend als „Canary Yellow“ bezeichnen könnte, zog sich wie ein roter Faden durch Installationen und neue Kollektionen. Bei Fendi Casa tauchte der Ton in einer knallgelben Bar auf, ebenso wie beim neuen Beistelltisch „Naki Sumo“, gekrönt von einer intensiv leuchtenden Glasplatte aus Murano. Cassina wiederum setzte das Gelb bei den Polstern des wieder aufgelegten „Panton Peacock Chair“ von 1960 ein, während eine leicht ins Grünliche spielende Variante Wände und Textilien in der Präsentation von Patricia Urquiolas Sofasystem „Ardys“ bestimmte. Auch bei B&B Italia war die Farbe präsent: in der Neuauflage des klappbaren „Nena“-Stuhls von Richard Sapper aus dem Jahr 1984. Und im Nilufar Depot überzog der warme Eigelbton ein Bett in der Inszenierung von David/Nicolas im Rahmen der „Grand Hotel“-Ausstellung. Diese fröhliche Farbe (die man in Mailand ohnehin immer wieder entdeckt, etwa in Innenhöfen oder an Metrogeländern) brachte die spielerische Eleganz und das Lebensgefühl der Stadt in den diesjährigen Debüts perfekt auf den Punkt.

 
 
Weben als Struktur

Joyce Jin, Digital Editor, AD China

Weben ist viel mehr als dekoratives Handwerk. Was einst vor allem mit Rattan, Gras oder Textilien assoziiert wurde, hat sich zu einem eigenständigen gestalterischen Prinzip entwickelt: einem Ansatz, der Weiches mit Tragendem verbindet, Offenheit mit Begrenzung verschränkt und dabei visuelle wie taktile Beziehungen zwischen Materialien schafft. In dieser Logik wird Weben konstruktiv, formt Möbel, definiert Oberflächen und denkt ganze Räume neu. Loro Pianas „Studies, Chapter I: On the Plaid“ näherte sich Material und Technik aus einer bewusst traditionellen Perspektive. Dem steht Jacopo Fogginis Leuchte „Dilly“ für Edra gegenüber, die das Prinzip des Verwebens in die Gegenwart übersetzt: Handgeformtes Polycarbonat bricht und lenkt das Licht, während es durch Schichten und ineinandergreifende Strukturen fällt. Auch in Alcova zeigte sich diese Haltung. Dort wurden Seile, Textilien und leichte Konstruktionen zu experimentellen Möbelstrukturen verdichtet.

Die Bandbreite der Ansätze verweist auf eine neue Aufmerksamkeit für das „Machen“. Handwerk wird im industriellen Kontext neu verhandelt – als zeitgenössische Fortschreibung traditioneller Techniken ebenso wie als Experimentierfeld für neue Materialien und Prozesse. Entscheidend ist dabei: Der Herstellungsprozess tritt sichtbar hervor. Konstruktion wird nicht kaschiert, sondern zum bestimmenden Narrativ des Entwurfs. Das Weben bewegt sich damit weg von der Ornamentik, hin zu einer offenen, strukturellen Sprache. Es geht nicht nur um die bloße Rückkehr zu einer „natürlichen“ Ästhetik und einem traditionellen Handwerk, sondern um ein Überdenken von Verbindungen, Beziehungen und Gestaltungsweisen.

 
Trendmaterial Stein

Sarah de Beaumont, Contributor, AD France

Stein nahm auf dem diesjährigen Salone del Mobile eine zentrale Rolle ein. So präsentierte B&B Italia seine neue Kollektion in einem modernistischen Umfeld, inspiriert von Ludwig Mies van der Rohes Villa Tugendhat, in der Trennwände aus farbigem Marmor dem Raum sowohl Struktur verleihen als auch mit Perspektiven und Materialien spielen. Für Hermès wiederum entwarf das Duo Barber & Osgerby einen marmornen Esstisch, der durch subtile Kurven und feine Marketerie reiterliche Anklänge erhielt und so handwerkliche Kunstfertigkeit mit zeitgenössischer Präzision verbindet. Bei Studioutte sah man derweil raumhohe, hinterleuchtete Alabasterflächen, die ein diffuses, weiches Licht verbreiten und das mineralische Material nahezu immateriell erscheinen lassen.

Einen radikaleren Ansatz verfolgte Hannes Peer in Zusammenarbeit mit Margraf: Der Mailänder Architekt und Designer zeigte ein vollständig um Stein gedachtes Wohnkonzept, in dem Marmor und Onyx nicht nur Oberfläche, sondern räumliches Prinzip sind. Mal glatt, mal porös, bestimmt Stein als Boden, Wand und Plattform die Atmosphäre – und wird zur allumfassenden architektonischen Sprache.

 
 
Oberflächen aus Chrom, Edelstahl oder Aluminium

Fiona Bornhöft, Editor, AD Germany

Kaum ein Material hat es geschafft, sich über so lange Zeit derart konstant auf dem Trendradar zu behaupten wie Metall. Oberflächen aus Chrom, Edelstahl oder Aluminium waren die Stars der letzten Jahre, mal als Protagonisten im monochromen Look, mal als subtile Nebendarsteller, gepaart mit Marmor, Samt, Holz oder Glas. Man könnte also annehmen, das Material habe seinen Höhepunkt längst erreicht. Doch das Gegenteil ist der Fall: Die Entwürfe und Installationen des Salone del Mobile 2026 haben Metall erneut eine große Portion Aufmerksamkeit beschert.

Ein entscheidender Wandel ist allerdings erkennbar. Anstelle von roughen Kanten und industrieller Strenge zeigen sich die Arbeiten überwiegend soft, skulptural, bisweilen fast verspielt, und bringen eine neue Ausdruckskraft des Materials zutage. Das gelingt durch organische Formen, aber auch durch überraschende Materialkompositionen. Der Möbelhersteller Enne etwa setzt in seinem Sofa „Lien“ auf maximale Kontraste und paart kühles Metall mit weichen Formen und noch weicherem Bouclé; bei den „Botolo“-Stühlen von Arflex wirkt die Kombination aus Chrom und lockigem Schaffell geradezu niedlich. Ein besonders schmuckes Bild gibt wiederum Anna Karlins Wandleuchte „Lantern Stack“ ab, die im Nilufar Depot im Rahmen des Salone Raritas zu sehen war. Spielerisch leicht erkundet das Leuchtobjekt aus Metall und elfenbeinfarbenem Fiberglas die Schnittstelle zwischen industriellem Design und skulpturalem Ausdruck und zeigt nur einmal mehr, wie Rohheit und Raffinesse harmonisch koexistieren können. Gleiches gelingt dem ukrainischen Duo Furn Object, die mit der „Glimpse Flora Lamp“ die gewohnte Schärfe des Materials bewusst auflösen, ihm seine Härte nehmen und es visuell beinahe zum Schmelzen bringen. Metall hat abgedankt? Ganz im Gegenteil.

 
 
Natur im Mittelpunkt

Marilena Pitino, Design-Journalistin, AD Italy

Auf dem diesjährigen Salone del Mobile stand die Natur im Mittelpunkt, sowohl als Inspiration als auch als Anlass zur Reflexion. Ausstellungen luden dazu ein, langsamer zu werden, sich vom Trubel der Stadt zu entfernen und die Schönheit um sich herum wahrzunehmen. So präsentierte sich die Outdoor-Kollektion von Molteni & C in der von Elisa Ossino gestalteten Installation „Responsive Nature“, in der sechs unterschiedliche Landschaften einen Spaziergang, eine immersive Reise ergaben. In Alcova wiederum war die Schau „Natura Obscura“ von Caecilia Rebbe zu sehen, die mit tragbaren floralen Skulpturen die Grenze zwischen natürlicher Landschaft und gebauter Umwelt schwinden ließ. Der gleiche Ansatz zeigte sich bei Saba Italia in „Botanical Frequencies“ – ein Dialog zwischen Kunst und Design, der botanische Elemente in Formen, Materialien und chromatische Schwingungen übersetzt, wie im modularen Sitzsystem „Oase“ von Robin Rizzini. Auch andere Entwürfe zeigen einen botanischen Bezug: Der Woll- und Seidenteppich „Códice VIII“ des mexikanischen Studios Balmaceda interpretiert botanische Motive neu und erinnert an die Form eines Ceiba-Baums. Der libanesische Architekt Georges Mohasseb vom Studio Manda präsentierte für Nilufar die „Cactus Collection“, inspiriert von der Wandlungsfähigkeit von Pflanzen, die sich extremen Umgebungen anpassen. Nicht zuletzt spielte Cassinas Leuchte „Samambu“, entworfen von Neri & Hu, mit Licht und ließ Landschaften entstehen, die die ruhige Atmosphäre eines Bambushains evozieren.

 
In der Hauptrolle: Holz

Marina Peñalver, Senior Digital Editor, AD Spain

Holz ist und bleibt eines der Lieblingsmaterialien von Designer:innen und Marken – und sprengte auf dem diesjährigen Salone del Mobile gewohnte Kategorien und Kontexte. Neuauflagen ikonischer Entwürfe – etwa Tacchinis „Pigreco“-Stuhl von Tobia Scarpa – zeigten sich in frischem Gewand und behaupteten sich neben neuen Entwürfen wie den Arbeiten Isamu Kenmochis. In Installationen wie „La Boiserie“ von David/Nicolas oder Kelly Wearstlers Inszenierung im Palazzo Acerbi zeigte sich Holz zugleich als dekoratives und funktionales Element. Mit der Serie „Rasters“, präsentiert von BD in der Zaza Gallery, übersetzte Office Kersten Geers David Van Severen gemeinsam mit Muller Van Severen architektonische Raster in modulare Möbel aus massiver Buche.

Ob Stuhl, Tisch oder Outdoor-Objekt: Holz nimmt neue Formen an und macht zugleich deutlich, dass wir uns in einer zunehmend digitalen Welt nach Taktilität sehnen. Es fordert Berührung ein, macht Materialität erfahrbar und verweist auf Herkunft und Prozess. Damit wird es mehr als nur Gestaltungsmittel: Es vermittelt Atmosphäre, Entschleunigung und eine bewusstere Haltung gegenüber Design.

 
 
Back to Basics: Die Kunst der Herstellung

Aidan Imanova, Head of Editorial Content, AD Middle East

Im Kontrast zur rasanten Beschleunigung KI-gestützter Entwurfsprozesse zeichnete sich auf der Milan Design Week 2026 ein leiser, aber unmissverständlicher Wandel ab: die Rückbesinnung auf das Wesentliche. Traditionshäuser wie Designer:innen setzten auf ein entschleunigtes, bewusstes Arbeiten, getragen von Fingerfertigkeit und manueller Intelligenz.

So rückten Materialität und Herstellungsprozesse klar in den Mittelpunkt. Das Label Missoni etwa inszenierte eine großformatige, industrielle Strickmaschine als Herzstück seiner Präsentation und verwandelte die Herstellung von Textilien in eine immersive Live-Installation. Anders als im Luxuskontext üblich, wurde der Arbeitsprozess nicht verborgen, sondern bewusst sichtbar gemacht: Die Maschine wurde zugleich Objekt und Akteur, indem sie fortlaufend Stoffe in Echtzeit produzierte und so Rhythmus, Wiederholung und die Choreografie der Herstellung erfahrbar machte. Auch Loro Piana widmete sich dem Textilhandwerk mit analytischer Präzision. In einer Reihe von Plaids wurde das Muster nicht als dekoratives Element verstanden, sondern als technisches und kulturelles Konstrukt. Rund zwei Dutzend Exponate fungierten dabei jeweils als eigenständige Untersuchung von Material, Struktur und Prozess. Prada Home wiederum zelebrierte die ritualisierte Dimension des Machens in einer stillen, materialbetonten Ausstellung, kuratiert von Theaster Gates. Gezeigt wurden handgefertigte Keramiken japanischer Töpfer, die durch Arbeiten aus dem eigenen Atelier des Künstlers ergänzt wurden. Im Fokus standen folglich nicht ausschließlich makellose Luxusobjekte, sondern vielmehr die haptische, kulturelle Bedeutung von Keramik als Träger von Erinnerung, Geste und Zeit.

Kurz gesagt: Was sich abzeichnete, war ein kollektives Bedürfnis, den Akt des Herstellens hervorzuheben und Design als eine Form der Kontemplation zu begreifen.

 
 
Outdoor goes Indoor

Mrinalini Ghadiok, Head of Editorial Content, AD India

Die Grenzen zwischen Innen- und Außenraum schwinden im Design seit geraumer Zeit, doch wurden sie in diesem Jahr ein weiteres Mal neu justiert: Outdoor-Ästhetik wanderte konsequent ins Interieur. Materialien wie Rattan und Geflecht, traditionell mit Terrassen, Veranden und der informellen Formensprache der 1970er-Jahre verbunden, erscheinen nun in verfeinerter, präziser Ausarbeitung. Der italienische Möbelhersteller Minotti beispielsweise präsentierte mit der „Elas“-Familie eine Serie, deren charakteristische Geflechtschale Bergère, Sessel und Hocker verbindet. Bei Gervasoni wiederum wurde der von Vico Magistretti entworfene Sessel „R 513“ neu aufgelegt, dieses Mal mit einer klaren, vertikalen Struktur, die Rücken- und Armlehne zu einer einzigen Geste verschmelzen lässt. Concetta Giannangelis „Santé“-Stuhl greift die archetypische Form des französischen Bistrostuhls auf und übersetzt sie in eine zeitgemäße Formensprache aus fließend geführtem Rattan.

Und auch andere Marken verschieben die Grenzen: Poliform zeigt mit „Auguste“ von Jean-Marie Massaud eine Neuinterpretation des Regiestuhls in Metall und Strohseil, während B&B Italia mit „Alvar“ von Antonio Citterio das klassische Geflecht des Gartenstuhls durch gewebten Kork neu denkt. Parallel dazu rückt Bambus – insbesondere im Bereich Licht – in den Mittelpunkt: Gupicas „Bambù“-Kollektion für Besana Carpet Lab verbindet rohe Materialität mit präziser Verarbeitung; Massimo Rigaglia entwickelt mit „Lights in Tension (L/T)“ aus fein geschnittenen Bambusstreifen weich geschwungene Leuchtenkörper.

Beobachten lässt sich diese Entwicklung auch im Möbel- und Architekturbereich: Porro erweitert das „HT System“ von Piero Lissoni um eine Variante mit dunkel gebeiztem Midollino (Rattan). Neri & Hu hingegen übertragen das Prinzip des Bambusgeflechts in ein keramisches Motiv für Mutina. Über einzelne Produkte hinaus prägte diese Haltung auch zahlreiche Installationen. Die thailändischen Künstler:innen Korakot Aromdee und Vassana Saima entwarfen eine poetische Szenerie aus Rattan und Bambus, inspiriert von den Gärten aus Christian Diors Kindheit.

Die Milan Design Week 2026 zeigte damit eine deutliche Verschiebung: Was einst informell war, wird subtil angepasst und verfeinert – und was dem Außenraum vorbehalten schien, ist längst im Innenraum angekommen.

 
 
Glas im Fokus

Katia Contreras, Head of Editorial Content, AD Mexico

Glas erweist sich 2026 als eines der faszinierendsten Materialien in der Welt des zeitgenössischen Designs. Längst zeigt es sich nicht mehr nur als bloßer Werkstoff, sondern als ein lebendiges Medium, das Licht nicht nur reflektiert, sondern auch in sich trägt. Jede Unregelmäßigkeit bewahrt die Spur des handwerklichen Prozesses und erzählt von Hitze, von Transformation und der Zeit, aus der es entstanden ist. Besonders deutlich wird das in der Neuinterpretation von mundgeblasenem Glas, etwa aus Murano. Studio 6:AM zeigte gläserne Würfel, ursprünglich für den Laufsteg von Bottega Veneta entwickelt, die durch Wiederholung eine eigene visuelle Sprache entfalten, ohne ihre Individualität zu verlieren. In den „Corolle“-Leuchten von Noé Duchaufour-Lawrance für Dior Maison wird Glas zur Choreografie aus Licht und Schatten. Barovier & Toso, unter der Leitung von Luca Nichetto, balanciert hingegen Tradition und Gegenwart in ruhigen, präzisen Formen. Zwischen experimentellen Arbeiten von Draga & Aurel für Salviati, den beinahe organisch wirkenden Leuchten von Christian Pellizzari und den Recyclingglas-Entwürfen von Gallotti & Radice zeigt sich die Bandbreite des Materials. Glas ist damit weniger Trend als vielmehr ein Möglichkeitsraum, in dem Technik, Imperfektion und Poesie aufeinandertreffen.