Das neue 250 Quadratmeter große Flagship von Testoni in Mailand tauscht dichte Warenpräsentationen gegen ein entschleunigtes, galerieartiges Einkaufserlebnis.
Für ein traditionsreiches Lederwarenhaus kann die eigene Geschichte im Einzelhandel schnell zur Last werden, wenn Archivelemente und handwerkliche Referenzen die Produkte in den Hintergrund drängen. Im neuen Mailänder Flagshipstore von Testoni präsentiert François Leite eine räumlich neu gedachte Interpretation der in Bologna gegründeten Marke. Das Geschäft übersetzt italienische Identität durch die Sprache von Arkaden und überdachten Passagen und verwandelt architektonische Referenzen in sanft geschwungene, mit Kalkputz versehene Formen, tiefroten Terrazzo und eine Abfolge sorgfältig inszenierter Blickachsen. Taschen und Schuhe werden bewusst mit Abstand präsentiert – unter Gewölben und schwebenden Leuchten –, wodurch der Moment zwischen dem Entdecken eines Produkts und dem Griff danach verlangsamt wird.
Dass italienische Traditionsmarken architektonische Motive aus der Vergangenheit aufgreifen, ist mittlerweile ein eigenes kleines Genre im Retail Design. Während das von All Design Studio gestaltete Coscia-Geschäft in Changshu auf dekorative Säulen, Schachbrettmuster und kräftige Farben setzt, wählt Leite einen deutlich zurückhaltenderen Ansatz und abstrahiert historische Bezüge. Das Projekt folgt damit einem Trend, den FRAME kürzlich beschrieben hat: Retail Design entfernt sich zunehmend von maximaler Effizienz und setzt stärker auf Erlebnis und Atmosphäre. Bei Testoni zeigt sich dies in Materialien und Präsentationsformen, die die Produkte bewusst auf Distanz halten. Kalkputz bildet die Grundlage des Interieurs, während gegossene Glassysteme von 6 verhindern, dass Taschen und Schuhe zu stark in einer nostalgischen Heritage-Inszenierung verankert werden. Bereits am Eingang greifen geflochtene Bronze-Türgriffe von Maison Intègre die charakteristische Spiralnaht von Testoni auf und übersetzen sie in architektonische Details.
Der Flagshipstore von Testoni entfaltet sich als sorgfältig inszenierter Rundgang durch eine Hauptgalerie, einen zentralen Bereich, die Herrenabteilung, zwei Schaufensterzonen sowie zwei Lounges. Der Grundriss bewahrt die Verbindung zur Straße und führt Besucher anschließend durch schmalere Passagen, Rundbögen und kleine Präsentationsnischen. Die Produkte werden auf niedrigen Podesten und entlang der Wände präsentiert, anstatt in dichten Warenreihen angeordnet zu sein.
Vorhandene tragende Strukturen wurden mit Gipskarton verkleidet und mit Kalkputz beschichtet. Dadurch entstehen muschelartige, beinahe ausgegrabene Formen, die Säulen und bauliche Unterbrechungen in gestalterische Elemente verwandeln. Die Oberflächen wechseln zwischen zarten Pfirsich- und Cremetönen, deren Struktur besonders dort sichtbar wird, wo das Licht die Rundungen betont. Der gesamte Store ist mit tiefrotem Terrazzo ausgelegt, der Einschlüsse aus italienischem Marmor enthält. Leicht erhöhte Ebenen schaffen zusätzliche räumliche Dynamik.
Über den Besuchern schwebt das maßgeschneiderte Beleuchtungssystem „Network“ von Benoit Lalloz, das die Architektur begleitet, ohne in ihr zu verschwinden. Bögen, Linien und kreisförmige Leuchten sind unter Gewölben und Kuppeln aufgehängt. Insgesamt 1.557 Lichtpunkte formen eine filigrane metallische Zeichnung über den verputzten Oberflächen. In der Hauptgalerie erscheinen die Glasregale von 6 wie dünne, unregelmäßige Scheiben an den Wänden. Ihre grünlich schimmernden Kanten reflektieren das Licht und heben die darauf präsentierten Taschen und Schuhe subtil hervor.
Großzügige Rundbogenöffnungen verbinden die einzelnen Räume miteinander. Raumhohe Spiegel in den Durchgängen verlängern optisch die Perspektiven und spiegeln die geschwungenen Formen der Architektur zurück in den Raum. Eine sorgfältig kuratierte Auswahl an Möbeln und Kunstwerken verleiht dem Store eine wohnliche Atmosphäre. Gebürstete Edelstahlmöbel von François Leite treffen auf die natürlich gefärbten Ledermöbel der Bambole-Serie von Mario Bellini sowie auf Marion Mailaenders Tôle-Sitzmöbel für Maison Intègre – eine gefaltete Bronzeform nahe dem Boden. Die gebeizten Eschentische und Podeste der OKO-Kollektion von Capucine Guhur präsentieren Skulpturen von Dan Kim, Laurin Schaub und Hélène Segura. Daneben ruht eine unbearbeitete helle Steinform auf einem niedrigen Sockel, deren rohe Materialität die Marmoreinschlüsse des Terrazzo-Bodens aufgreift. Kunst und Design teilen sich hier den Raum mit den Lederwaren und erweitern den erzählerischen Rahmen weit über die Markenhistorie von Testoni hinaus.